Hansi´s Aua

Im Fernsehen verfolge ich, neben dem Ausnehmen eines Huhns (es gibt Suppe), eine Tierklinik-Doku, in der rund dreißig fest installierte Kameras den Arbeitsalltag ungescripted alá Big Brother übertragen. 

Ein Herz für Tiere
Ein Herz für Tiere

Speziell Nähe und Authentizität sollen Zuschauer an den Bildschirm fesseln... so auch mich, denn augenblicklich knote ich die Beine des Viechs zusammen. Dabei fühle ich mich unbehaglich, denn gerade wird ein zerrupfter Wellensittich, der meinem Suppenlieferanten ähnelt, eingeliefert. 

 

"Hajajajajajaj... wen haben wir denn da?"

"Das ist unser Hansi."

"Ohhhhhh du ärmster, was ist dir denn passiert?"

 

Da Hansi nicht die Sprache der Menschen beherrscht, antwortet Mutti Sabine für ihn. Vater Helmut, Sohn Sebastian, Tochter Hannah und überdimensional fetter Hund Schnitzel stehen mit mitgenommenen Blicken und gesenkten Häuptern im Eck des Behandlungszimmers.

 

"Hansi hat sich am Gitter des Käfigs verheddert... schluchz."

 

Ärztin, Arztgehilfin Nummer eins, Arztgehilfin Nummer zwei, Helmut, Sebastian und Hannah suchen nach Taschentüchern. Sumo-Schnitzel leckt sich derweil die Eier.

 

"Aha, dann sehen wir uns mal diesen süßen Schatz an. Aaaaaalles wird gut, Hansi. Brauchst keine Angst haben. Schau´ mal Hansi, alle sind bei dir."

 

Hansi liegt regungslos auf dem Rücken. Kaum definierbar, ob es sich bei ihm tatsächlich um einen Wellensittich oder eine explodierte Alpacka-Socke handelt. 

 

"Soooo Hansi, jetzt kriegst du erstmal eine Beruhigungsspritze, danach wirst du geröntgt."

"Tut ihm das weh?"

"Aber nein, das geht ganz schnell. Schau´ mal Hansi, sieeeehst du, das hat ja gar nicht wehgetan. Wie alt ist Hansi denn? Hat er heute schon Futter bekommen? Hach, du bist aber ein gaaaaanz braver. Fein machst du das... ja feeeeein...!"

 

Während der Röntgenraum vorbereitet wird, wird Hansi von einer Arzthelferin gestreichelt, besungen, bequietscht und vollgedichtet, während die zweite Arzthelferin Familie Humboldt gut zuredet und versichert, dass alles wieder gut wird. Nach einer Weile stellt sich heraus, dass nichts gebrochen ist und Hansi damit am Leben bleibt. Heftiges Geschluchze, Erleichterung, Umarmungen... es ist kaum zu fassen, Hansi wird wieder gesund! Fettsack Schnitzel wird aus lauter Freude mit Frolic beworfen. Dabei klatschen ihm alle mit voller Wucht auf den Allerwertesten, der wie Wackelpudding vibriert, ohne dass er sich nur ansatzweise bewegt.

 

Einige Monate zuvor.

 

Der Püppi im Frühjahr. Ein schwerer operativer Eingriff in Püppi´s Bauch steht bevor, die zweite OP im gleichen Jahr. Langer Krankenhaus-Aufenthalt inklusive, Reha - das volle Programm und wenn´s schief läuft, gibt´s der Püppi in einer Pyramide oder Mausoleum zu bewundern. Im Krankenhaus werde ich herzallerliebst willkommen geheißen.

 

"Wie war ihr Name?"

... ich lebe noch... "Der Püppi."

"Aha, Zimmer 984, Gebäude 76, 87er Flügel, dritte Tür links, dann rechts, dann Aufzug runter ins 4. OG, rote Tür, dort warten."

"Haben Sie einen Gebäudeplan? Und auf wen soll ich dort warten?"

"Nein und Oberschwester. Der nächste!"

 

"Moin! Sie sind...?"

"Am Leben. Und krank."

"Name???"

"Der Püppi."

"Los, mitkommen. Hier n´ paar Thrombose-Strümpfe. Umziehen, in das da! Und zügig - in dreißig Minuten ist die OP. Stuhlgang?"

"Äh... soll ich mich jetzt im Gang auf den Stuhl setzen?"

"Ob Sie heute schon geschissen haben???"

"Nein, aber gestern. Selfie´s habe ich keine."

"Hahaha, wir haben wohl heute einen Clown gefrühstückt?!"

"Ne, wären Sie nämlich schlau, wüßten Sie, dass ich zwölf Stunden vor der OP nichts essen darf."

"Das ist hier eine Intensivstation, also Ruhe. Keine Besuche. Ruhe!! Rasiert?"

"Äh..."

"Ob Sie sich am Bauch rasiert haben?"

"Wozu? Ich bin eine Frau."

"Wenn Sie wüssten, was wir hier alles erleben. Also was jetzt?"

"Nein."

"Was nein??? Ja oder nein?"

"Nein."

"NEIN HAARE RASIERT ODER NEIN HAARE NICHT RASIERT???"

"Nein, keine Haare. Auch keine, die rasiert werden müssten. Um welche Länge handelt es sich dabei? Und warum schreien Sie? Sie haben mir eben noch gesagt, dies sei eine Intensivstation und..."

 

Ich glaube, wir mögen uns nicht sonderlich. Die OP überlebe ich, die Oberschwester... warten wir´s ab. 

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Kommentare: 2
  • #1

    VaniderRotzlöffel (Mittwoch, 07 September 2016 18:24)

    Ich fall vom Stuhl :D Ich stell mir dich grade bildlich dabei vor :D phahahahaha

  • #2

    Martin (Freitag, 09 September 2016 12:14)

    Wie bekomme ich die Bilder wieder aus dem Kopf?? Muss doch noch arbeiten.
    :-D :-D