Die Bahn gehört mir

Der Püppi muss dringend etwas für ihre Figur tun und packt entschlossen die Badetasche: Ein Handtuch, Klamotten, Shampoo, Duschgel. 

In den Bikini zwänge ich mich schon mal zu Hause hinein, denn in den Umkleiden müssten sich kleine Kinder ganz doll die Ohren zuhalten (und wegsehen). Er passt! Noch. Irgendwie. Früher waren da mal kleine rote Schleifchen abgebildet. Heute ist darauf ganz deutlich die Golden Gate Bridge zu sehen. Also wie gesagt, ich muss dringend ´was tun. Die Dame neben mir (wir befinden uns in einer Sammelumkleide) packt ihren halben Hausstand aus einem Übersee-Container: 3 Handtücher, Frotteebademantel, ganzer Kleiderschrank, 2 Badeanzüge, 1 Noppenbadekappe im zarter Fleischwursttönung, 1 Paar Industrieabfall-Schuhe (ob diese wirklich vor Pilz schützen oder doch nicht vielleicht welchen verursachen?), Kosmetikstudio, Föhn, Lockenstab, Lockenwickler, Wassernudel … oh Gott, einfach alles. Mitleidig beäugt sie mein kleines Täschchen.

 

Pfffffffffff...

 

Hoch motiviert begebe mich in die freundlich graue Nasszelle und werde mit x Hinweisschildern herzallerliebst begrüßt: „Rasieren aller Körperteile strengstens untersagt!“ | „Betreten auf eigene Gefahr!“ | "Fußpilzdesinfektionsmittel - kein Trinkwasser!" | „Nehmen Sie bitte alles wieder mit, was Sie mitgebracht haben.“ Gilt letzteres auch für Körperschweiß?

 

Warm desinfiziert steige ich leise quietschend und mit den Pfoten um die Wampe wedelnd die saukalte Beckenbrandung hinab. Grundsätzlich stehen beim ersten Einstieg immer ein Dutzend Blagen vor mir und üben Handstand unter Wasser. Hey ihr Nasen, da hinten ist das Kinderbecken! (Ich mag Kinder, jedoch ohne Handstand). Am Beckenrand schiebe ich mich bis zu einer freien Bahn entlang. Vor, neben und unter mir kreisen Haie mit gängigem ich-vernichte-dich-wenn-du-mir-in-die-Quere-kommst-Blick. Mit rund 15 % Haarverlust am Stück und Fingerkrampf stülpe ich mir meine rosa Disney-Taucherbrille über die Birne. Zwar kondensiert diese innerhalb von 3 Sekunden und erzeugt einen Überdruck von 11 bar absolut, aber sie sitzt. Die erste Bahn ist geschafft, der Puls liegt bei 1.400 Anschlägen pro Minute. Neben mir höre ich eine männliche Stimme zu mir sagen: "Reschpekt Bruder, Reschpekt...". Ich richte mich japsend auf, schwenke den Kopf mit erhobener Golden-Gate-Brust und komplett beschlagener Taucherbrille in Richtung Stimme: "Ohaaa... Schulligung Aldern, isch dachte, du wärst krasse Kampfschiportlär... abern du bisch ja voll die Frau hey". Lieber Weihnachtsmann, ich wünsche mir, dass dieser Typ das Warnschild Nummer 3 in der Dusche unterschätzt.

 

Zweite, dritte, vierte Runde... bin schon voll im flow. Na toll... das hat mir noch gefehlt: Die Noppen-Else aus der Umkleide schwimmt gemächlich auf mich zu. Irgendwie hat sie ihre Bahn mit meiner verwechselt. Wir steuern geradewegs aufeinander zu, doch weder die Treibmine noch ich weichen aus. Als ich in letzter Sekunde unter ihrem dunklen Schatten untertauche, boxt sie mich aus Versehen mit ihrem Froschfuß. Das Ganze wiederholt sich noch zwei drei Mal. Na warte... - das ist MEINE Bahn!

 

Schnaufend auf dem Fünfer angekommen, gibt es tosenden Applaus für Sumo-Püppi. Jetzt gilt volle Konzentration. Da unten isse... unverkennbar mit ihrem Wurst-Look. Mit Anlauf und unüberhörbarem Megakreisch springe ich eine hammer Arschbombe. Als ich auftauche gröhlt, kreischt und klatscht alles; muss also echt geil ausgesehen haben. Doch der Noppenterror schwimmt unbeeindruckt MEINE Bahn weiter. 

 

Ein weiterer Versuch - vergeblich. Auch beim Rückenschwimmen bleibt sie beim Zusammenstoß unbeeindruckt und weicht nicht aus. Ich auch nicht. Auf keinen Fall.

 

Au fein, gerade machen ein paar Schwimmer die Biege. Plumps, ich nehme einfach eine andere neue MEINE Bahn. Hauptsache weit weg. Es dauert keine fünf Minuten, da scheint sich die Erdachse verschoben zu haben. Noppen-Else nähert sich. Dabei will ich doch einfach mal eine Bahn für mich ganz alleine haben! Ich wein´gleich, doch das übernimmt schon die Disney-Brille, die sich mit Wasser füllt. Als ich diese mit viel Gewalt abklebe und meine Nasennebenhöhlen spüre, blubbert mich eine weibliche Stimme von der Seite an: „Ach Kindchen, Sie haben ja ganz rote Augen… ist Ihnen nicht gut? Wollen Sie sich nicht vielleicht ausruhen?“ 

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Kommentare: 1
  • #1

    Annie (Sonntag, 18 September 2016 22:02)

    Deswegen geh ich nicht ins Schwimmbad :-P Aber auch im See hat man so seine Bekanntschaften und sei es mit dem Enten ^^