XY ungequetscht

Die gute alte Buchhandlung, in der es einst Verkäufer gab, die mit fundiertem Wissen gut berieten, in der es schön ruhig war, nach Druckfarbe und Papier roch, das Licht schummrig brannte, das Glöckchen der Tür läutete, sobald ein Kunde den Laden betrat. Was ist daraus geworden?

Ein Tempel, der fast so groß ist wie der Europapark und mittlerweile mehr Dekoartikel bietet als Bücher. Doch das Genöle nützt mir nichts, ich benötige ein Fachbuch, in das ich gerne kurz Einsicht nehmen möchte.

 

"Verzeihung, könnten Sie mir bitte behilflich sein?"

"Natürlich."

"Ich suche ein Buch zum Thema Äquivalenzrelation."

"Oh, das sagt mir nichts. Können Sie das etwas näher beschreiben?"

"Na klar. Da geht es um Transitivität, Reflexivität, Zerlegung... kurzum Mathematik."

"Ah, da schaue ich mal im Computer nach."

...

"Also Bücher zum Thema Mathematik finden Sie im 99. Stockwerk in der Fachabteilung."

 

Der Aufzug ist kaputt, also nehme ich die Rolltreppe und komme an jeder Menge Deko, Küchengeräten, einem echten Café und Lifestyle-Artikel vorbei. Die letzten beiden Rolltreppen befinden sich in Wartung, so dass ich die herkömmliche Treppe, vorbei an der Erotikabteilung, hinauf muss. Aus der Entfernung höre ich Schreie und kann nicht definieren, ob es die eines angeschossenen Godzilla´s oder Wellensittichs im Kampfmodus sind.

 

"Hör´ auf zu schreien, Sebastian!"

"Wäääääääääääääääääääääääääääääääääähhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhh...!"

"Gleich knall´ ich dir eine, gib das her!"

"Buhuhuhuhuhuhuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuu...!"

 

Ich bin verwirrt, gucke neugierig ums Eck, sehe einen schreienden kleinen Jungen und dessen Mutter, die verzweifelt versucht, ihm den aufgeklappten Bildband Muschi packt aus aus der Hand zu reißen. Vielleicht bin ich ja hier schon richtig und Äquivalenzrelation gehört zum Genre Erotik. "Zerlegung" und "Transitivität" können schließlich so oder so ausgelegt werden.

In der Fachabteilung für Mathematik suche ich einen Berater - vergebens. Gefühlte zehn Minuten drehe ich mich um meine eigene Achse, tanze gangsnam style vor der Überwachungskamera, es tut sich nichts. Also mache ich mich am PC zu schaffen, der sich wunderbar leicht bedienen lässt. Stichworteingabe, Enter-Taste, Anschiss!

 

"Heee Fräulein, das dürfen Sie nicht! Gehen Sie da weg, sofort!" Was genau darf ich nicht du hässliches Sackgesicht, hä? Wo warst du die ganze Zeit, als ich dich gesucht habe? ... liegt es mir auf der Zunge. 

 

"Äquivalenzrelation. Wo befindet sich das Buch in Ihrer Abteilung?"

"Gehen Sie zur Seite. Da muss ich nachsehen."

"Das habe ich schon, doch Sie haben mich unterbrochen."

 

Jetzt gilt es, seinem Blick nicht auszuweichen. Nicht aufgeben. Am besten noch die Augenbraue hochziehen. Einfach ein visuelles Signal senden, dass ich bereit bin, mit nur einer Hand seine Familienjuwelen zu zerquetschen! In Zeitdilatation schaut er auf den Monitor, läuft stumm zum Regal, ich hinterher, reicht mir das Buch, dreht sich um, geht. Wow - gewonnen, Arschloch.

 

Das Buch ist eingeschweißt. Und nun? Arschloch ist weg, ich gucke vorsorglich nochmal nach links und rechts, wiege mich in Sicherheit, reiße sie auf. Wer atmet dicht hinter mir? Wer kann mein Blut riechen? ...

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