Ein bisschen Tollwut

Händchenhaltend glücklich betreten Danger und ich den Supermarkt. Während ich das Gemüse begutachte – sagen wir mal so um die dreißig Sekunden – vernehme ich Schnaufen hinter mir. Ich drehe mich um. 

"Was ist?"

"Nix."

 

Im Einkaufskorb landen Tomaten, Avocados, Melone und Salatgurke. Als nächstes prüfe ich die Beschaffenheit der Bananen. Ganz arg grüne oder braun verbeulte mag ich nicht. Das muss so ein Zwischending sein. Neben mir schnauft es erneut.

 

„Waaahhhaaas?“

„Nnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnix.“

 

Langatmig keucht er weiter, kratzt sich am Hals, verschwindet aus der Obst- und Gemüseabteilung. Gut denke ich und suche Mangos. Ad hoc finde ich sie nicht, grase noch einmal alles ab, werde leicht nervös, denn ich brauche Mangos. Als ich sie immer noch nicht finde, denke ich mir, guckst lieber mal nach Danger, wo er steckt. Vielleicht drückst ihm ein paar Einkaufswünsche aufs Auge, dann isser wenigstens beschäftigt. Keine drei Meter entfernt lehnt er an der Tiefkühltruhe und unterhält sich angeregt mit den Fischstäbchen. Unsere Blicke treffen sich.

 

Er: „Wwwwwwwwwwwas?“

Ich: „Nix.“

 

Okay, ich merke, dass irgendetwas nicht stimmt. Hatten die kein Tatütata-Auto draußen vorm Eingang? Hat er sich mit jemandem angelegt, jemanden umgebracht…? Ich finde meine Mangos nicht und rede mit mir selbst. Plötzlich spricht mich eine Frau an, die Früchte lägen direkt vor meinen Augen. Obwohl ich Danger nicht sehen kann, höre ich ihn. Beziehungsweise sein Schnaufen. Der Verdacht liegt nahe, dass die leicht angespannten Atemgeräusche etwas mit mir zu tun haben könnten. Mangos gefunden, ab dafür. Danger dreht sich derweil um seine eigene Achse. Jetzt habe ich es geschnallt. Ihm ist langweilig!

 

„Hol´ mir bitte Butter.“

„Wo?“

„Im Kühlregal. Dort hinten.“

„Und wo ist hinten?“

„Daaaaahhhhaaaaa!“

Er geht nicht weg, er rennt. Bevor ich es zur 5 Meter weit entfernten Wursttheke schaffe, ist er wieder zurück – mit 12 Butterpäckchen.

„Welche von den vielen Butters?“

„Die preiswerteste.“

„Die kosten alle gleich viel.“

„Die für 179,00 € kaufen wir jedenfalls nicht.“

 

Tief einatmend schiebt er sich von mir weg, kommt wieder, zeigt mir die Butter von weitem. Ich nicke bejahend. Dann schmeißt er die Butter in den Einkaufswagen, als hätte sie seine Mutter beleidigt. An der Wursttheke bestelle ich 50 g von jeweils 5 Sorten Wurst, dann noch Fleisch für morgen und weil´s gerade passt, wechsle ich noch zur Käsetheke. Danger steht da, Hände hinterm Rücken verschränkt, dunkelroter Kopf.

 

„Hasilein, was ist los?“

„Brauchst du noch mehr Butter?“

„Nein, aber Mehl und Zucker. Holst du mir das bitte?“

„Was n´ noch alles?“

„Eier, Größe M, von überdurchschnittlich glücklichen Hühnern, Pesto, Grauburgunder, Trüffel, Kaffee…“

 

Als ich mich umdrehe, kommt er mit dem teuersten braunen Rohrzucker, der je in der menschlichen Geschichte hergestellt wurde, zurück. Ganz zu schweigen vom Mehl. Dieses wurde Partikel für Partikel scheinbar von Göttern handverlesen.

 

„Das ist viel zu teuer. Hol´ die billigen. Zum Backen brauche ich so teures Zeugs nicht.“

„Das sind aber die billigsten und die einzigen.“ Erinnerungen der Wutkonferenz von Giovanni Trapattoni aus dem Jahre 1998 - „Schwach, wie eine Flasche leer“ - werden wach.

„Gib her, ich mach´ das selbst. Hol´ du dir deine Cola und warte auf mich an der Kasse.“

 

Ich brauche nur noch wenige Minuten, packe drei vier Basics liebevoll in den Wagen. Am Förderband angekommen, holt Schnauf-Danger alles raus, knallt es aufs Band, wartet bis ich zahle, schmeißt alles wieder zurück und dampft mit weißem Schaum vor dem Mund aus dem Supermarkt. Ich habe immer noch keine Idee und tippe auf erste Anzeichen einer Schizophrenie. In den Kofferraum wird der Inhalt des Einkaufswagens wie bei der Müllabfuhr geleert. Mit einem einzigen Wurf. Dass sich darin auch Eier befinden, sage ich ihm nicht. Erstens habe ich Angst, zweitens ist es nicht mein Auto. Dann knallt er sich auf den Sitz – schnaufend – und dreht die Musik auf. Rammstein glaube ich. Derweil meldet mein Blut, dass ich Zucker benötige. Im Kofferraum krame ich nach Duplo´s. Plötzlich höre ich Gebrüll, kann es jedoch nicht direkt von der Musikgruppe unterscheiden. Obwohl es taghell ist, leuchtet das Auto von innen wie ein Leuchtturm.

 

„Was ist denn los Hasilein?“ frage ich genüsslich kauend.

„Weißt du, wie lange wir jetzt da drin waren?“

„Öhm… 10 Minuten?“

„Zweieinhalb Stunden! Mir platzt glei´ der Arsch!“

 

Bis heute konnte ich nicht herausfinden, ob Letzteres nur so daher gesagt war oder ob er wirklich auf´s Klo musste. Jedenfalls finde ich 2,5 Stunden etwas übertrieben.

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Kommentare: 2
  • #1

    Siri (Freitag, 19 August 2016 20:47)

    Zum Piepen... Ich kenne solche Szenen nur vom Klamottenkauf.

  • #2

    Schminktante (Montag, 22 August 2016 14:14)

    Weißt Du, was noch viel besser ist?
    Wenn man sich mit einem Arm voller Einkäufe umdreht und Don Schminktante samt Einkaufswagen in den Weiten eines Einkaufsmarktes mit 1.800 Gängen und 37.291 Gefriertruhen verschwunden ist, ohne Dir zu sagen, wohin er des Weges ist.... da platzt dann mir immer fast glei der Arsch!"
    Aber ich habe köstlich gelacht! Danke dafür!!
    LG
    Anja