Fremdgehen schwer gemacht

Der Einzelhändler schimpft über die großen Haifische, die wiederum lachen sich eines in´s Fäustchen. Und ich?

Ich lächle den Haifisch an und schimpfe über die kleinen. Im Fernsehen sehe ich einen Bericht über schrumpfende Geschäfte in Innenstädten. Das Ganze ist so gut aufgemacht, dass ich als leidenschaftliche Online-Shopperin ein heftig mieses Gewissen bekomme und beschließe, am Vormittag in die Stadt zu fahren. Wegen mir soll keiner Pleite gehen.

 

Ich überlege, ob ich umweltschonend mit dem Bus oder Fahrrad, anstatt mit meiner Giftwaffe fahren soll. Mit dem Bus sind es 4 Haltestellen, mit dem Fahrrad 15 Minuten, mit dem Auto 5. Die Fahrt mit dem Fahrrad lasse ich lieber, da mein Wohnort unglaublich Fahrrad-feindliche Wege hat. Dort wird man ständig behupt, geschnitten, im besten Fall beleidigt oder gar von der Fahrbahn gedrängt. Fahrradwege gibt es so gut wie keine und wenn, dann parken dort Pkw´s. Im Bus herrscht chronischer Sitzplatzmangel, der Fahrer bremst wie bei der Formel 1 und die Dichte zu fremden Menschen löst bei mir schlichtweg Angstattacken aus. Hinzu kommt, dass eine Fahrt für 4 Haltestellen 2,70 € kostet. Ich entscheide mich für die Proletenvariante und quietsche meinen Benzinfresser 10 Stockwerke das Parkhaus hinauf.

 

In der Apotheke angekommen, trifft mich der Schlag. Ich zähle 14 Leute vor mir. Also watschle ich zur nächsten. Diese ist riesig, die Verkaufsfläche misst ca. 100 qm mit 0 Kunden. Eine einzige Apothekerin lächelt mich an. Top! „Ich hätte gerne Zink-Dragees und Magnesium-Granulat.“ Die wunderschöne Apothekerin widmet sich ihrem hell erleuchteten Bildschirm, der so groß ist wie mein Fernseher. Ganz lange. Richtig lange. Dann geht sie weg. Sie bleibt lange weg. Ich frage mich, ob sie vielleicht Mittagspause macht oder sich nachschminkt. Dann kommt sie wieder, guckt angestrengt auf den Monitor, sucht das Zink auf Google-Earth. Es vergeht eine halbe Ewigkeit. „Zink-Dragees müssten wir bestellen. Die wären dann heute gegen 16:00 Uhr da.“ - „Nein Danke, dann nehme ich nur das Magnesium-Granulat.“

 

Das gleiche Spiel beginnt von vorne. Ich will keine Spielverderberin sein und schnaufe nicht. In der Zeit, in der sie vom Monitor gegrillt wird, schaue ich mich um. Medikamente sehe ich in dieser gewaltig großen Verkaufsfläche keine, dafür jede Menge Kosmetik. So viel Kosmetik, dass ich mich frage, wie sich Douglas überhaupt über Wasser halten kann. Dann verschwindet sie wieder. Ich schaue mich nach Kameras um und überlege, ob ich mich mit dem Mittelfinger an der Stirn kratzen soll. Bin genervt. Das Küken kommt wieder, füttert die Datenbank mit dem halben Brockhaus.

 

"Hmmm, also Granulat haben wir auch keines mehr da. Möchten Sie Kapseln? Die kosten minimal mehr.“

„Wie viel ist minimal?“

„15,00 €. Dafür sind 3 Kapseln mehr drin.“

„Und wie hoch ist das Magnesium dosiert?“

„Ähm… die Kapseln sind nur minimal niedriger dosiert.“

„Minimal wie viel?“

„… Ähm… Moment, das muss ich erst nachsehen.“

 

Mein Puls steigt. Um ihr nicht minimal die Augen auszustechen, neige ich meine mit pochenden Schlagadern aufgequirlte Birne und entdecke eine 12 Meter lange Schlange hinter mir. Alle Hassblicke sind auf mich gerichtet, nicht etwa auf die Flitzpiepe.

 

„Ja also… das geht aus der Packungsbeilage nicht so genau hervor. Wenn Sie möchten, kann ich das recherchieren und Ihnen heute Mittag Bescheid geben.“ 

„Nein danke. Was kostet denn die verführerische Gesichtscreme dort hinten?“ 

„Moment, das muss ich erst nachseh…“

 

In der dritten Apotheke gelandet, unterhalten sich alle drei Verkäuferinnen angeregt mit ihren Kundinnen über das Wetter in Alaska, Neuigkeiten aus Peru, kambodschanische Heilmedizin. Geduldig pople ich an rekordpreisigen Kosmetikartikeln herum und beginne, so langsam aber sicher zu verschimmeln. Als ich endlich an der Reihe bin, höre ich einen mir vertrauten Satz: „Oh, das haben wir nicht vorrätig. Wenn Sie wollen, bestellen wir Ihnen das für heute Nachmittag.“ Für einen kurzen Moment überlege ich, 400 kg Zink und 3.000 Magnesium-Europaletten zu bestellen, um sie dann nicht abzuholen. Warum bin ich eigentlich nie gemein?

 

Anschließend ist erstmal Frustfressen angesagt. Für sehr viel Geld kaufe ich mir einen nach Fußpilz aussehenden Burger, ein Eis ohne Geschmack und Cola ohne Kohlensäure. Sämtliche Restaurants und Fastfood-Ketten in Innenstädten kann ich wärmstens empfehlen. Die sind alle ausgezeichnet und verdienen mindestens einen Michelin-Stern. #wuerg

 

In einer überdimensional großen und 4-stöckigen Buchhandlung angekommen überlege ich, zum Serienmörder zu werden. Als ob mich der Satz „… bestellen wir Ihnen für heute Nachmittag…“ bis an mein Lebensende verfolgen würde. Bücher über Quantenphysik oder Anleitungen zum Überleben in Gulags gibt es im Überfluss. Schreib-Accessoires, Hanftaschen, Glitzerteebeutel und Marzipanpimmel auch. Und einen riesen Aufmacher über Katzenkacke – die neueste Sensation am Kaffeemarkt. Reiseführer für Australien und Rezeptbücher über traditionelle hessische Küche hingegen nicht.

 

Zu guter Letzt kostet mich das Parkhaus für 1 Stunde und 10 Minuten stolze 4,80 €. Liebes Online-Shopping, bitte entschuldige, dass ich dir fremd gegangen bin. Das kommt nie wieder vor, bitte verzeih´ mir.

 

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Kommentare: 3
  • #1

    Andi Haslinger (Donnerstag, 18 August 2016 22:19)

    Ich liebe deine Geschichten, sie sind so aus dem "Wirklich hartem und realem Leben".

  • #2

    Schminktante (Montag, 22 August 2016 14:09)

    Hahahaaaaa... Du Arme! Lass uns mal gemeinsam losziehen. Das wird ein Spaß. Weil wir dann nämlich richtig Randale machen. So nach dem Motto: Guter Kunde-böser Kunde. Wir knobeln vor jeder Apotheke aus, wer der gute und wer der böse Kunde ist. Und dann machen wir sie alle fertig! JAWOHL!! :-))
    Alles Liebe
    Anja

  • #3

    Kasel (Sonntag, 19 März 2017 10:36)

    Immer wieder eine freude diese Geschichten zu lesen lassen mich immer über so einiges nachdenken.