In der Ruhe liegt der Koller

Familienausflüge mit Kindern klingen immer toll und aufregend. So lange sie sich in der Planung befinden.

In der Praxis jedoch erleidet so ziemlich jedes zweite Kind mindestens einen 3-stündig dauerhaft anhaltenden Hyperaktivitäten-Schub gepaart mit einem Eltern-Kind-Krieg, den die Erwachsenen zweifelsohne verlieren.

 

So auch neulich im Riesen-Aquarium Sea Life in Konstanz. Patchworks Püppi schwingen sich fröhlich munter in den Familien-SUV, zu „Ab in den Süüüden“ mitsingend, glücklich Caprisonne-schlürfend und des blöden Regenwetters harrend. Hashtag: #Läuftbeiuns Am schönen Bodensee angekommen werden wir erst einmal von einem fetten Stau begrüßt. Da hundert andere doofe das Gleiche vorhaben, gibt es weit und breit keinen Parkplatz. Danger - leicht gereizt - gibt Vollgas auf einen Meter. Na gut, Hauptsache er kann sich auf diesem Wege irgendwie abreagieren und seine Ungeduld bezwingen. Beschwichtigend sage ich so etwas schlaues wie: „Ui… ist das heute voll hier.“ Ich ernte einen hasserfüllten Blick, das Gas-Pedal wird durchgetreten - im Stand.  

 

der Püppi | ROCK IN DA BLOG
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„Papaaa, wann sind wir dahaaa?“ Oo… 

„Hast du schon mal echte Myctophidae gesehen?“ frage ich nach hinten. 

„Häää?“

Mein Ablenkmanöver könnte funktionieren.

„Das sind Laternenfische.“

„Yhm joa… Papa, wann sind wir dahaaa?“

 

Irgendein Sackgesicht hupt uns an. Aus dem Augenwinkel nehme ich den Anstieg roter Gesichtsfarbe, Schaum vorm Mund und zwei drei pochende Halsschlagadern wahr. Soll ich fahren liegt mir auf der Zunge, doch ich glaube, das wäre jetzt keine so gute Idee.

 

„Ja faaaaaaaahr doch du Depp!!!“ brüllt Danger, wohl wissend, dass der Otto da vorne ca. 120 Jahre alt ist, schwerhörig und vermutlich blind.

„Schrei´ nicht so vor dem Kind.“

„Papa, welchen Depp meinst du?“ 

 

Von hinten vernehme ich ein stumpfes mit-den-Füßen-an-den-Fahrersitz-schlag-Geräusch. Plötzlich Vollgas – ohne Bremse –, die Gravitationskraft, die mich in den Sitz quetscht, lässt mich haargenau fühlen, wie viele Tonnen ich in den letzten Wochen zugenommen habe. Auf dem Rücksitz akute Stille, Angstschweiß und Regungslosigkeit. Um etwas Harmonie herbeizuführen, verteile ich Duplo´s. 

 

Nachdem wir einen düsteren Außenseiterparkplatz ergattert haben, watscheln wir aufgeregt in Richtung Sea Life. Der ist ca. einen halben Tagesmarsch entfernt. Am Eingang hat sich eine Schlange gebildet, die mindestens genau so lang ist wie die Chinesische Mauer. Vollgas-Danger würde am liebsten kehrtmachen, während sich das liebe Kind brav anstellt und konzentriert die Lackierung des Treppengeländers abpopelt. Es gibt zwei Eingänge: der Express-Eingang und der naja, sagen wir mal… Opfer-Eingang. Wir gehören der zweiten Kategorie an, obwohl wir moderne Online-Tickets haben. Gegen 50 % Aufschlag hätten wir eine Express-Eingang-Option dazu buchen können, um dann an der Kasse angekommen, genauso wie alle anderen auch, ausbeuterischen Marketing-Maßnahmen ausgesetzt zu werden. Vor der Kasse sollen wir uns an eine Wand stellen, um für besonders miese Erinnerungsfotos abgelichtet zu werden. Das Foto – mit echten Pinguinen im Hintergrund – dürfen wir erst beim Verlassen des Aquariums erwerben. Für einen Preis, der Qualitäts-Kaviar nur minimal unterliegt. 

 

der Püppi | ROCK IN DA BLOG
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An der Ausbeutestation angekommen werden wir mit viel Hightech begrüßt. Unsere Blutgruppe, DNA, Fingerabdrücke und das Polizeiliche Führungszeugnis werden erfasst. Des Weiteren erhalten wir einen undefinierbaren Stempel (tote Katze… könnte aber auch ein Auspuff sein) auf das Handgelenk, eine hässliche Schnorchel-Pappmaske für Junior, einen aus 150 % Zucker bestehenden Kuchen für den Blutzuckeranstieg (und sofortigen -abstieg) sowie diverse Flyer mit viel kleingedrucktem Text – wohl wissend, dass es in einem Aquarium eher dunkel ist. Nach exakt 20 Minuten Warterei und einstudierter gute Laune verbreitender Begrüßungszeremonie geht´s endlich los. Junior rennt in die Höhle, weg isser… und voll isses. Spätestens jetzt bekomme ich Puls, denn wenn ich etwas nicht leiden kann, dann sind es die sich in nicht Sichtweite befindlichen Familienmitglieder. Insbesondere die Kleinen. Doch schnell entdecke ich das Pappmasken-zerstörende Kind am Mülleimer. 

 

Erste Sehenswürdigkeiten türmen sich auf. Es ist sau warm, sau laut und sau dunkel. Um ein Aquarium mit einem Fisch, der so klein ist wie ein Mikroorganismus, versammeln sich zehn riesige Menschen. Alle tatschen auf dem Glas herum, manche lecken daran. Ich so: „Oooooahhhh guckt mal, ein Speichelleckerfisch, wie geil!“ Warum sich der ganz besondere einzigartige Mikrofisch, der nur in ganz seltenen Gewässern vorkommt und angeblich Ballett tanzen kann, nicht blicken lässt, ist schnell klar. Nachdem nichts zu sehen und die Enttäuschung groß ist, wechseln alle zu den nächsten Sehenswürdigkeiten. Diese bieten zwar mehr Platz zum Gucken, sind aber mit langweiligen Makrelen befüllt. Dann endlich, am aufregenden Manta-/Haifischbecken angekommen, die Begegnung der Dritten Art. Ein Dutzend Schilder, die darauf hinweisen, dass die Tierchen bitte weder zu füttern noch anzufassen sind, werden ignoriert. Ein korpulentes Kleinkind wird randalierend ins Becken gehalten. Vermutlich soll es getauft werden. Wer weiß, vielleicht auf den Namen Moby D. Ein anderes Kind schreit einen Haifisch an, der vor lauter Angst abhaut. In der freien Wildbahn wäre die Rollenverteilung sicherlich anders. Sobald sich ein Manta um seine eigene Achse dreht, quieken alle aufgeregt, jauchzen, drehen komplett durch. Ich drehe mich auch, jedoch um nach Junior zu fahnden. Ad hoc sehe ich ihn nicht und hoffe, dass er nicht irgendwelche Fischlein mit Blutzuckerkuchen füttert. In den Katakomben wird es immer lauter. Die Hyperaktivität hat gerade Hochkonjunktur, alle kreischen in startender Space-Shuttle-Manier, bekommen den totalen Koller und schlagen auf die Glasscheiben. In meinen Ohren gerinnt das Blut, ich höre nur noch Pfeifen. Der Alte hingegen ist bei der Krake hängengeblieben, nur kann ich nicht definieren, was ihn mehr fasziniert: die Krake oder die Speichellecker drum herum. 

 

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Wenn Sie ein Gefühl dafür bekommen wollen, wie es ist, innerhalb einer Mikrosekunde gehörlos zu werden, gehen Sie ins Pinguinarium. Dort stehen Pinguine herum und werden noch lauter angeschrien, als die Manta´s. Schwimmen und Kunststückchen vorführen tun die Viecher nicht. Bestimmt nur nachts, wenn keine Besucher da sind. Die stehen einfach nur da, den fetten Ranzen raus, Kopf nach hinten, regungslos… vollgefressen halt. Ich fühle mich ihnen sehr stark verbunden. Ein unglaublich schlauer Architekt hat direkt im Pinguinarium eine kleine Rutsche errichten lassen, auf der es gerade rund zehn scheinbar mit Red Bull aufgeputschten Kinder krachen lassen. Ausgerichtet ist sie lediglich für zwei, höchstens drei Kleinkinder. Einer fängt einen Streit an, zwei reißen sich an den Haaren, der Rest brüllt. Haben Pinguine eigentlich Ohren? Falls ja, sind sie bestimmt schon abgestorben. Wenige Meter weiter. In einem verglasten Unterwasserkanal, in dem Riesenschildkröten und Haie cruzen, kreischen wieder alle. Einer ist besonders originell und grölt: „Ohaaa guck mal, da sind echte Fische!“ Als noch jemand etwas rufen will, halte ich Junior die Ohren zu. Ich will nicht, dass er verblödet.  

 

Als wir mit dem Rundgang fertig sind, gelangen wir in einen bunten Chemo-Store. Dieser besteht zu 100 % aus in China gefertigten Meeresbewohner-Plüschtieren in Augenkrebs erzeugenden Farben. Zu Preisen, die günstiger sind als die in einer Apotheke. Mit Pastillen gegen einen gereizten Rachen würde der Betreiber sicherlich mehr Umsatz machen. Herr und Frau Püppi sind total am Ende, taub und pleite. Wir wollen nach Hause. Unsere Red-Bull-Dose hingegen ist fit, will mit seinem neuen Heuler Christiano Ronaldo ins Bällchenparadies und anschließend zum Außenspielplatz. Zu guter Letzt knallt er uns an den Kopf, dass wir ihm irgendetwas versprochen hätten. Happy Family-Day!

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