Fly Me To The Moon

Mitten in der Nacht sitze ich vor dem Check-In-Schalter auf Fuerteventura und versuche krampfhaft, mich in den W-LAN-Router zu hacken. 

der Püppi | ROCK IN DA BLOG
der Püppi | ROCK IN DA BLOG

Warum gibt es in manchen Ländern ein sog. free WiFi, wenn du dann eh nicht reinkommst oder nur unter tausend Bedingungen, wie bspw. Werbefilmchen-Folter, Angabe deiner EC-Geheimzahl, DNA und Blutgruppe? An deutschen Flughäfen will das Mittelalter auch nicht weichen; da musst du dich beim T-Monopol zu einem 30-minütigem 1 KBit-schnellen Surfen regelrecht hinreißen lassen! In jeder polnischen Dorfkirche wirst du mittlerweile voll automatisch mit Full HD LTE 4.0 Breitband deluxe Highspeed Ionengeschwindigkeit, Holodeck und unbegrenztem Volumen versorgt. Meine Nerven...

 

Da sitzen sie nun alle mit verzweifelten Blicken, die besagen, dass das Leben nicht mehr lebenswert ist. So auch ich. Es ist schon bemerkenswert, dass es einen Raum außerhalb der Technologie gibt. Mir ist mulmig… so ganz ohne Internet. In Flugzeugen, in denen es kein solches gibt, habe ich mich damit abgefunden, ein paar Stunden offline zu sein. Dazu gehört zwar jede Menge Alkohol, aber es funktioniert. Alternativ dazu werden Ramsch-Filme nebst Würg-Sandwiches angeboten, für welche die hübschen Kotztüten mit aufgedruckten hässlichen Bärchen-Fratzen vorgesehen sind. Was hat es mit diesem Bären-Aufdruck auf sich, was will mir die Airline damit sagen? Kotz´ dich frei? Hier kotzt der Bär? Kotzing for Grizzly´s? Ich bin dafür, dass die Tüten in einer maximal hässlichen Kotzgrün-/braun-Senf-Kombination dargeboten werden, so dass es Einem von vorne herein vergeht.

 

Das junge Pärchen, das neben mir sitzt, wird motzig, weil es kein Internet hat. Hahaha, GELITTEN! Er fragt sie, ob er seine Schuhe ausziehen soll… ich hoffe nicht, denn auf Pearl Harbour so früh am Morgen habe ich gerade echt keine Lust.

 

„Schatz, wir fliegen doch gleich, muss das denn sein?“ fiepst seine Holde.

„Lisa, ich will jetzt Internet. Warum geht´n das nicht?“

„Schatz, ist doch egal.“

„Ja aber das fuckt mich gerade voll ab.“

„Du guckst doch eh nur Facebook.“

„Ja und? Lass´ mich… du glotzt doch auch andauernd City Sex Weiber!“

„Was bist´n so schlecht gelaunt?“

„Bin ich net!“

"Ja und jetzt?"

"Ja was jetzt?"

"Hey, du bist sooo kompliziert, wollen wir jetzt hier streiten oder was?"

"Ei ich hab´ ja net angefangen..."

... den beiden scheint wohl ne 15er Mutter zu fehlen...  

 

der Püppi | ROCK IN DA BLOG
der Püppi | ROCK IN DA BLOG

Fast hätte ich vergessen, für meine Freundin einen quietsch bunten Bikini zu kaufen. Sie hat in den vier Wochen, in denen ich nicht da war, auf mein Zuhause aufgepasst. So dachte ich mir, ich kaufe ihr etwas hübsches als Dankeschön, da sie in Kürze mit ihrem frisch verliebten Herzblatt zum ersten Mal in den sonnigen Urlaub fliegt. Hinter der Passkontrolle lächelt mich ein schriller Laden an, ich spaziere hinein.

 

„Ich hätte gerne dieses Modell in der Größe S/36.“

„Für Sie?“

An dieser Stelle weise ich darauf hin, dass ich Konfektionsgröße T-Rex habe und Vizemeisterin unter den Sumoringern bin.

„Nein, isser nicht. Der ist für meine Schildkröte.“

Offenbar versteht sie nicht ganz und lächelt weiterhin fröhlich senil.

 

Beim Boarding sehe ich aus dem Fenster und bin mir ziemlich sicher, dass ich heute Gebrauch von allen Kotztüten machen werde. Es stürmt vom feinsten, auf dem Meer baut sich eine mächtig schwarze Roland-Emmerich-Wolke auf. Der Flieger ist winzig, da ich erst nach Gran Canaria übersetzen muss, um dann erst mit dem großen Vogel in die Heimat zu fliegen. Dies wiederum bedeutet, dass ich in dem kleinen Mistding alles spüren und hören werde. Es blitzt. Mein Herz hört auf zu schlagen. Ich überlege, prophylaktisch vorzukotzen.

 

Lande guter Dinge auf Gran Canaria, die hässlichen Tüten habe ich zur Ablenkung mit Sprüchen wie "Kotz´ doch..." oder "Komm´, gib ihm!!!" oder "Einer geht noch!" vollgekritzelt. Mit Herzchen.

 

Ein paar Stunden später, der Püppi sitzt im Anschlussvogel und stalkt Passagiere, die zum ersten Mal fliegen, die bereits ein wenig Erfahrung haben und jene, die es noch nicht mal mehr bemerken würden, wenn das Flugzeug in ein fünf Kilometer tiefes Luftloch absacken oder die Erdatmosphäre verlassen würde. 

 

der Püppi | ROCK IN DA BLOG
der Püppi | ROCK IN DA BLOG

Neulinge und Wenigflieger habe ich gefressen. Diese nämlich decken sich beim Einsteigen mit allen kostenlosen Zeitungen ein, die der gesamte Baumbestand der Erde hergibt. Sobald das Boarding eröffnet ist, stürmen sie wie beim WSS in die Maschine und begaffen ganz aufgeregt ihren Boardingpass nebst Sitzplatz-Nummerierung. Was ist denn so schwer, die Sitzplatz-Reihenfolge nachzuvollziehen? Eins, zwei, drei... aber nöööö, jede Ziffer wird bis zum Platz Nummer dreiunddreißig wie bei einer Schnitzeljagd, bei der es um Leben und Tod geht, angezweifelt. Und jetzt kommt der schwierigste Teil, nämlich der, wo du dechiffrieren musst, welcher der Gang- und welcher Fensterplatz ist. Die Mitte ist ja einfach. Als der Zwinger endlich gefunden wird, beginnt das demonstrative Ein- und Auspacken des Handgepäcks, das nach Möglichkeit einen der besten Plätze im Regal bekommen soll. Die Gepäckstücke und Jacken anderer werden brutal zur Seite gequetscht (warum nicht gleich rauswerfen?) und der eigene Krempel liebevoll verstaut. Stundenlang. Mit Abschiedskuss. Die Schlange, die dahinter verschimmelt, ist zum Töten bereit. Dann folgt das genormte an-den-Vordersitzen-Festkrallen (egal, ob da vielleicht schon einer pennt... und wenn der von dem Kopfstützen-Massaker ein Schleudertrauma bekommt, scheeeeeißegal) gepaart mit einer Megatonnen-schweren Arschbombe in den Sitz. Das Anbringen des Gurtes gestaltet sich zu einer unlösbaren Wissenschaft. Ist dieser Meilenstein erreicht, werden sowohl die Temperaturregler als auch die Beleuchtung über der Rübe auf die Belastungsprobe gestellt - nicht etwa auf ihre Funktionalität. Nun werden Tischklappe und Netzhalterung einem TÜV unterzogen. Die Ultras unter den Neulingen schieben den Sonnenschutz auf und zu. Mindestens fünf Mal. Die Zeit bis zu deiner Beerdigung ist gezählt... Bald darauf klaffen sie demonstrativ das Handelsblatt und die Financial Times auf, als würden sie nichts anderes lesen. Dabei geht es gar nicht so sehr um das Lesen sondern lediglich darum, das miefende Papier so laut und weit wie nur irgendwie möglich aufzuschlagen, dass die anderen unterbelichteten Passagiere ohne Zeitung dieses Spektakel mitbekommen. Ich gehöre der überbelichteten Fraktion an und stalke die Bunte.

 

Als 10.000 Meter über dem Meeresspiegel erste Snacks serviert werden, erste Fragen meines Sitznachbarn:

 

"Ist der Snack laktosefrei?"

"Nein, tut uns Leid."

"Was gibt es denn dann?"

"Dürfen wir Ihnen Gummibärchen anbieten?"

"Ist da Gelatine drin?"

Nein, geräucherte Autoreifen du Vollpfosten...

"Ja, vermutlich."

"Dann nehme ich den Snack. Darf ich zwei oder drei davon haben?"

Ich bin für eine Europalette, Hauptsache er hält die Gosch.

 

Als ich ihm mein Sandwich abgebe, er dreht durch vor Glück und stopft es in sich hinein, als würde jeden Moment die CIA den Flieger stürmen, um nach Kokain zu fahnden. Plötzlich wackelt der Vogel, erste Turbolenzen lassen die Anschnall-Signale ertönen. Während der Neuling schweißgebadet Gebete vor sich hin stammelt, meint der Geübte, er müsse gerade jetzt in diesem Augenblick zum WC latschen oder sein Handgepäck nach warmem Dünnschiss durchforsten. Hauptsache jeder sieht diesen Affen, dass ihm keine Turbolenzen dieser Welt was anhaben können. Und dann gibt es sie, diese eine Person, die ihm garantiert alles vermiest, nämlich die böse Stewardess, die ihn vor allen Augenpaaren lautstark anscheißt, er solle sich gefälligst hinsetzen und anschnallen. Doch es kommt noch besser, zwei Sitze hinter mir vernehme ich die zwei Streithähne von heute Morgen:

 

"Lisa, ich glaub´ mir wird schlecht."

   

Schnell kritzle ich folgendes auf die Tüte und reiche sie freundlich lächelnd nach hinten: "Stell´ dir jetzt einfach mal eine Currywurst mit Schranke und Pommes vor. Plus Nuss-Nugat-Schokolade. Und Raclette."

Kommentar schreiben

Kommentare: 1
  • #1

    Jeanette (Donnerstag, 25 August 2016 22:30)

    Hey dein Blog ist so toll! Ich bin Stewardess und kann das alles so bestätigen. Und es ist noch viel schlimmer, naja manchmal. Wenn du noch mehr Insidertips brauchst, meld dich! Auf dem Weg! Netti :)))