Umkleidetheater

Umkleidekabinen sind ein Thema für sich. Die Gefahr, sich darin mit Ganzkörperlepra anzustecken ist groß, speziell in Freibädern, Turnhallen oder Bekleidungsläden.

der Püppi | ROCK IN DA BLOG
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Am meisten fürchte ich X&O (Name von der Redaktion geändert). Dort weiß ich, dass ich zu jeder Tageszeit um jede x-beliebige Uhrzeit mindestens stolze 15 Minuten anstehen muss. Erlaubt sind 7 Kleidungsstücke, die in die Umkleidekabine hinein genommen werden dürfen. Da pfusche ich natürlich, denn wenn ich schon so lange in der Warteschlange stehe, dann wohl kaum für läppische 7 Sachen. Also juble ich jeweils ein Teil zwischen die anderen Kleidungsstücke und verfummle den Kleiderbügel irgendwo darin. Und damit es nicht auffällt, lasse ich 5 Kleiderbügel raushängen, behaupte dann aber bei der Bestandsaufnahme, es seien 6. „Sie haben aber 7!“ fiept mich das junge Umkleidebewachungsküken Kaugummi knatschend an. Sofort zeige ich Reue: „Oha… da ist mir aber ein RIESIGER Fehler unterlaufen. Das tut mir wahnsinnig Leid, ich bin doof.“

 

Bepackt mit 14 Kleidungsstücken begebe ich mich in das maximal nach Mülldeponie Mexiko miefende Leuchtstoffröhrenkabuff. Riesige Wollmäuse feiern eine Mega-Party, eine Batterie Plastikbügel (manche durchgebissen) schaukeln fröhlich vor sich hin, irgendetwas rosafarbenes klebt an der Wand, die Spiegel sehen aus, als seien sie mit Bratfett eingeschmiert worden. Mit einer Grillzange nehme ich einen Kleiderbügel ab und klebe ihn auf das rosafarbene Igitt. Hält. Hauptsache, ich muss nicht mehr darauf gucken. 14 Kleidungsstücke in einer 1x1-Meter Kabine unterzukriegen ist gar nicht so einfach. Zwei Haken in der Größe einer Büroklammer popeln aus der Wand; ich riskiere, die gesamte Statik einreißen zu lassen.

 

Ein prüfender Blick in den Spiegel… Ach du heilige Sch**** bin ich das etwa? Mein Gesicht voller Falten, Augenringe… reif für Halloween. Richtig geil wird’s erst beim Fummelausziehen. Drei Bratfett-Spiegel ergeben das volle Panorama. Cellulite, Besenreiser, lila Flecken, Speckröllchen (oder –rollen/walzen), asymmetrische Körperregionen und die Wucht der Schwerkraft geben mir den Rest. Sollte mir jemals ein Mann sagen, ich sei wunderschön, nehme ich ihn mit in die Umkleide und schreie ihn an: „SAG DAS NOCH MAL! LAUT UND DEUTLICH!“

 

Die Fummelei mit dem An- und Ausziehen beginnt, mein Gleichgewicht gerät ins Wanken. Innerlich fluche ich auf Teufel komm´ raus. Nebenan bimmelt ein Handy:

 

„Du hömma, ich bin grad bei X&O. Waaat? Kann dich net hörn… wat ma… JETZT? Ja… ich ziehe mir gerade Stringtanga an. Neee, ich komm heut net zum Essen. Gehen naher zum King. Waaat? Ja… wat ma… ich muss jz ausziehen. Wat ma… - Botzlawa, kannst du mir dem Rücken zumachen? Danke. Bogdan, bist du noch dran? Ja… wate… ich muss suerst Stringtanga ausziehen, dann Kleid. Botzlawa, tu mich mal hilft…!“ 

 

Eine Kabine weiter.

 

„Dietmar, heb ma de Kopp. Sieht des gut aus?“ 

„Jo.“

„Meiiiiinst du? Ich weiß nicht…“

„Doch, sieht gut aus.“ 

 

Neugierig hänge ich meine Birne raus. Ein blauweiß karierter Dietmar, um die 40, mit Saturn-Tüte in der Hand, leichte Koma-Einschlafhaltung, nickt verständnisvoll in Richtung Weibchen.

 

„Das sagst du ja nur so.“

Ich gucke sie verstohlen von der Seite an… 90/60/90 – alles sitzt, passt, zweifelsohne stehen die Schnecke, Leuchtstoffröhren und Spiegel nicht im Klinsch miteinander. 

„Schatz, hol mir bitte das Gleiche noch mal ne Nummer kleiner, das hier ist ja viel zu groß! Boah… bin ich fett geworden.“

„Welche Größe soll ich holen?“

„Na 32, eine Nummer kleiner.“

 

Am liebsten würde ich sie jetzt mit allen Kleiderbügeln bewerfen, ganz ehrlich. Nach Kleidungsstück Nummer 12 und blöden Umkleidenachbarn bin ich mit den Nerven am Ende. Der verfluchte Reißverschluss klemmt. Alle Klamotten sind zu klein, zu eng, zu kurz. Das einzige, was passt, bin ich - durch die Tür. Außerdem ist mir warm, um es nicht genau zu sagen, bollenheiß. Ein Baby schreit sich die Seele aus dem Leib, Rihanna kreischt durch alle Lautsprecher, dass irgend ne "Tussi brennt, ohhhohohohoho…. Tussi brennt". Was kommt als nächstes? Helge Schneider mit "Feuerlöscher im Nasenloch?" Ich will hier raus.

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Kommentare: 1
  • #1

    Cornelia (Montag, 22 August 2016 11:06)

    Unglaublich geil geschrieben. :-D Es lebe das Online-Shooping.