Freie Entfaltung

Meine erste Kindheitserinnerung ist IKEA. Insbesondere das bunte Bällchenparadies, in dem ich andere Kinder versucht habe, fertig zu machen. Das war toll.

der Püppi | ROCK IN DA BLOG
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Meine Eltern gaben Kleinpüppi ab, shoppten Regale, Bilderrahmen, überlebenswichtige Teelichter und anderen Schmu. Neben den Bällchen gab es im Paradies eine Rutsche, Schaukel, abgelutschte Riesenteddys, Kletterwand und Maltisch. Die lieben Eltern konnten nicht lange genug wegbleiben, Hauptsache der Püppi konnte alle vermöbeln. Bekam ich selbst eins auf die Nuss, heulte ich so lange, bis mich alle ignorierten. Dann wartete ich ganz unschuldig einen Neuankömmling ab; schließlich musste der Frust über die Niederlage an jemand anderem abgebaut werden. Bällchen in sämtliche Rachen, Ohren und Nase zu prügeln, Wehrlose an der Kletterwand zu fesseln und mit Kreide zu bemalen oder brave Schleimer so lange in der Schaukel zu drehen, bis sie reiern mussten, bereitete mir ungeheuren Spaß. Am Ende waren alle Kräfte gemessen und Freundschaften geschlossen.

 

Mein letzter IKEA-Besuch war weniger vom Einkauf, als von höchst interessanten Beobachtungen gekrönt. Das Bällchenparadies gibt es nach wie vor, jedoch mit größeren Bällchen. Vermutlich gab es in der Vergangenheit zu viele Notrufeinsätze. Alle anderen unterhaltsamen Sachen gibt es nicht mehr, dafür einen Full HD King Size Mega XXL Fernsehen mit weichgespülten TV-Programmen (Prädikat gewaltfrei). Im Bällchenbecken hält sich niemand auf, dafür aber vor der Glotze – wo sonst. Jedes Elternteil, das seine Schützlinge abgibt, erhält ein Telefon für den falls-was-sein-sollte-Fall. Früher gab es einfach eine Ansage: „Achtung Achtung, die kleine dicke Püppi möchte am Bällchenparadies abgeholt werden.“ oder "Achtung Achtung, das Bällchenparadies wird wegen einer Massenschlägerei umgehend geschlossen." Das ist jetzt out, die Zeiten haben sich geändert.

  

der Püppi | ROCK IN DA BLOG
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Plötzlich passiert etwas ganz furchtbares. Der Fernseher flimmert und ist plötzlich tot. Kaputt. Einfach so. Ratlosigkeit. IKEA-Liesel unternimmt erste Versuche, die Betroffenen zu besänftigen: „Liebe Kinder, bestimmt funktioniert der Fernseher gleich wieder.“ Während sie damit beschäftigt ist, den Hausmeister zu erreichen, beginnen die ersten ganz zögerlich, ein paar Bällchen zu befummeln. Alter, wäre ich jetzt Kind, hätten sie die alle schon längst gefressen. Und zwar noch vor dem Fernsehgucken. Naja… jedenfalls schleichen sie nun um das Becken herum mit hasserfülltem Blick in Richtung IKEA-Liesel. Erste Bällchen-Reinspring-Manöver. Dann ein schöööner Wurf an den Kopf – na endlich! Kind 1, Weichei-Anton, flennt, IKEA-Liesel rennt auf es zu und beschwichtigt mit einem Lolli. Währenddessen tönt es unter den Bällchen: „Du blöda Arschtussi!“ Kind 2, Rambo-Hilde, taucht unter den Bällchen auf: „Ich verklopp´ dich!“ Kind 3, Sommersprossen-Watzlaf, kommt jetzt auch raus und brüllt: „Na uuund? Du fette Kuh! Meine Mama verhaut dich!“ - „Ah jaaa??? Mein Papa fährt dir mit seinem Panza über´s Gesicht. Auaaaaaa, du hast mir den Ball auf die Finger gehaut… wuuuäääähhhhh…“ 

  

Tritte, Kopfnüsse, völlig normale Annäherungsversuche eben. Und in diesem schönen Augenblick, in dem eine ganz normale kindliche Stimmung entsteht, bekommt IKEA-Liesel Panik und ruft alle Eltern an: „Könnten Sie bitte Ihr Kind abholen? Nein, es geht ihm gut, aber es stört den allgemeinen Frieden. Außerdem ist der Fernseher kaputt.“ Für einen kurzen Moment überlege ich, ob ich ihr nicht meinen Hotdog ins Gesicht schmieren soll.

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